Abenteuer Himalaya: Mit Royal Enfield über das Dach der Welt – Teil 5
Spiti Valley – wenn die Straße zum Gegner wird und die Gemeinschaft zum Anker
Wir verlassen Hanle frühmorgens. Die Luft ist kalt, aber klar. Wir haben gut geschlafen – zumindest die meisten. Doch innerlich wissen wir: Die kommenden Tage werden hart. Spiti Valley ist berüchtigt. Für seine Flussdurchfahrten. Für seinen Matsch. Und für die Tatsache, dass es eigentlich keine richtige Straße gibt – nur einen Vorschlag von einem Weg.
Willkommen im Niemandsland

Schon die ersten Kilometer zeigen: Das hier ist kein klassischer Offroad-Spaß. Das hier ist Ernst. Die Piste ist schmal, ausgewaschen, immer wieder unterbrochen von Gletscherbächen, losen Felsen, eingebrochenem Geröll.
Wir passieren ein Schild:
„Road construction by Border Roads Organisation – completion expected: 1987.“
Wir lachen. Was soll man sonst tun?
Die Landschaft ist überwältigend. Gigantische Felsformationen. Schneebedeckte Sechstausender. Und dazwischen: wir. Kleine Menschen auf brummenden Motorrädern, die sich an den Rand der Welt wagen.
Flüsse, Schlamm, Umkippen
Dann wird es richtig wild.
Ein Bach. Dann ein zweiter. Dann ein ganzer Strom, der sich über den Weg ergießt. Wasserdurchfahrten – manchmal nur knöcheltief, manchmal bis zur Sitzbank.
Ich sehe, wie ein Fahrer aus Dehli langsam zur Seite kippt, das Motorrad halb im Wasser. Zwei andere springen sofort ab, helfen ihm raus. Keine Panik. Nur klare Handgriffe. Stille Kommunikation.
Einige Passagen fordern alles. Ich gehe im Stehen durchs Wasser, balanciere das Bike wie ein Drahtseilartist. Die Reifen suchen Halt, die Kupplung lebt im Grenzbereich. Ich fluche, lache, rufe – und als ich durch bin, jubelt einer:
„YES, Meli! You nailed it!“
Ich hebe die Faust. Und bin kurz mal stolz.
Wenn einer fällt, helfen zehn

Je kaputter die Straße wird, desto besser funktioniert unsere Gruppe. Wir halten zusammen. Ziehen Bikes aus dem Matsch. Schieben, stemmen, sichern.
Ein Moment bleibt mir besonders:
Ein Fahrer verliert in einer engen Kurve den Halt und schlittert in den Hang. Nicht tief – aber das Bike liegt ungünstig. Ohne zu zögern lassen vier andere ihre Maschinen stehen. Einer hält den Lenker, zwei stemmen das Heck, ich lege einen Stein unter das Rad. Fünf Minuten später läuft der Motor wieder.
Keiner fährt hier allein.
Nächte im Nirgendwo
Wir übernachten in Kaza, einem Ort irgendwo zwischen tibetischer Gelassenheit und indischer Improvisation. Es gibt Strom – manchmal. Es gibt Wasser – kalt. Aber es gibt Suppe, Lachen und Geschichten am Tisch.
Wir erzählen vom Tag, zeigen Bilder, vergleichen Blasen, Prellungen, Durchhaltewillen. Es fühlt sich an wie ein Klassentreffen unter Überlebenden. Nur dass wir noch mittendrin sind.
Dies ist Teil 5 eines mehrteiligen Reiseberichts aus dem Himalaya von Meli Schönbrodt (Kettenöl & Ravioli). Die weiteren Teile werden jeweils Mittwoch- und Samstagabend um 18 Uhr veröffentlicht. Wenn dir die Reisegeschichte gefällt oder du ein ähnliches Abenteuer erlebt hast, du Fragen an den Autor oder uns hast, dann lass uns gerne einen Kommentar da oder schreib eine Email.



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