Abenteuer Himalaya: Mit Royal Enfield über das Dach der Welt – Teil 4

Teil 4:

Umling La – 5.798 Meter und der Moment, den man nie vergisst

Der Tag beginnt früh. Sehr früh. Noch vor Sonnenaufgang stehen wir in der kühlen Dunkelheit. Die Luft ist dünn, jedes Heben des Tankrucksacks wird zur bewussten Bewegung. Wir wissen, was vor uns liegt: Der Umling La – 5.798 Meter.

Es gibt wenige Orte auf dieser Welt, an denen man mit einem Motorrad so hoch hinauffahren kann. Eigentlich nur diesen. Und er fordert Respekt.

Ich ziehe mein Buff Tuch über den Kopf. Ziehe die Jacke noch etwas fester. Und starte den Motor.

Ein Weg in den Himmel

Die Straße – wenn man sie so nennen will – schraubt sich langsam, gnadenlos und erbarmungslos in die Höhe.

Was zunächst mit Schotter beginnt, wird bald zu feinem, rutschigem Sand. In den Kurven liegt loser Kies, manchmal auch Eis. Der Wind wird schärfer. Die Sonne brennt, obwohl es eiskalt ist. Jeder Atemzug ist spürbar kürzer, jedes Blinzeln trocknet die Augen aus.

Die Höhenkrankheit schleicht sich ein – leise, unangekündigt. Kopfschmerzen. Schwindel. Druck auf der Brust. Ein Teilnehmer muss anhalten. Dann der nächste. Und wieder einer. Einige steigen ab, setzen sich an den Straßenrand. Trinken, atmen, hoffen.

Ich fahre weiter. Nicht schnell, aber konzentriert. Mein Blick ist nur noch wenige Meter vor mir. Ich denke nicht mehr an den Gipfel. Ich denke nur: “Einfach weiter.”

Dann plötzlich: oben.

Ein weißes Schild. Flaggen. Menschen. Motorräder.

Ich bin da. Ich habe es wirklich geschafft.

5.798 Meter.

Der höchste befahrbare Pass der Welt.

Ich drehe den Zündschlüssel, steige langsam ab. Mein Puls hämmert, aber mein Kopf ist klar. Ich ziehe den Helm aus, sehe mich um – und kann kaum glauben, was ich sehe:

Eine weite, staubige Ebene. Windspiele aus Blech. Ein Schild, das ich umarme wie einen alten Freund. Und eine Gruppe von Fremden, die in diesem Moment Brüder und Schwestern geworden ist.

Ich mache ein Foto. Dann noch eins. Aber irgendwann lasse ich das Handy sinken. Schaue einfach nur. In mich hinein. In die Weite. In das, was ich gerade erlebt habe.

Ein Vergleich, der sitzt

Ich war schon mal hoch hinaus. Auf dem Kilimandscharo. Zu Fuß. Es war hart, es war wunderschön. Aber jetzt hier – mit dem Motorrad – ist es etwas anderes.

Dort war ich Wanderer.

Hier bin ich Reiter meines eigenen Weges.

Dort war ich im Takt des Berges.

Hier bin ich im Takt meiner Maschine.

Beides war echt. Beides war groß.

Aber dieser Moment hier… dieser Wind auf 5.798 Metern, während unter mir der Motor langsam abkühlt – das ist einer für die Ewigkeit.

 

Rückfahrt nach Hanle – auf anderen Reifen, mit anderem Blick

Der Abstieg beginnt. Aber etwas ist anders. Wir sind leiser. In uns gekehrt. Wir haben etwas erlebt, das man nicht teilen kann – nicht wirklich.

In Hanle, einem abgelegenen Ort voller Offroad-Romantik, angekommen, bestellen wir Chai. Viel Chai. Es ist, als wollten wir den Moment konservieren – mit Gewürzen, Wärme und Zucker.

Ein Italiener, den wir unterwegs aufgesammelt haben, sagt nur: „This was real.“ Ich nicke. Denn mehr muss man darüber nicht sagen.

Dies ist Teil 4 eines mehrteiligen Reiseberichts aus dem Himalaya von Meli Schönbrodt (Kettenöl & Ravioli). Die weiteren Teile werden jeweils Mittwoch- und Samstagabend um 18 Uhr veröffentlicht. Wenn dir die Reisegeschichte gefällt oder du ein ähnliches Abenteuer erlebt hast, du Fragen an den Autor oder uns hast, dann lass uns gerne einen Kommentar da oder schreib eine Email.

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