Abenteuer Himalaya: Mit Royal Enfield über das Dach der Welt – Teil 2

Der Aufstieg beginnt – zwischen Asphalt und Abgrund

Manali liegt hinter uns. Der Regen wird schwächer, die Kurven enger. Wir durchqueren den Atal-Tunnel, mit über neun Kilometern einer der längsten und höchsten Straßentunnel Asiens. Dahinter: eine andere Welt.

Die Temperatur sinkt. Der Verkehr wird weniger. Die Berge wachsen. Und mit ihnen wächst auch die Stille – zumindest im Helm.

Ich beginne, mich auf mein Motorrad einzuschwingen. Jeder von uns entwickelt seinen eigenen Rhythmus. Manche fahren zügig, zielstrebig, als würde es eine Uhr zu schlagen geben. Ich fahre lieber mit dem Blick auf die Landschaft, nehme die Täler mit, die weiten Flächen, die Menschen am Straßenrand – und die stetig dünner werdende Luft.

Die ersten 3.500 Höhenmeter spüre ich kaum. Doch als wir die 4.000-Meter-Marke knacken, verändert sich etwas. Nicht nur in meinem Körper – auch in meinem Denken. Die Gedanken werden langsamer. Klarer. Alles Überflüssige fällt weg. Was bleibt, ist der Moment.

Schotter, Schnee und Vertrauen

Die Straßen wechseln ihr Gesicht. Mal sind es tadellose Asphaltbänder, dann plötzlich: Geröll, Schlamm, Wasserläufe, lose Steine. Die Motorräder kämpfen. Wir auch.

In einem besonders steilen Abschnitt schlittert mein Vorderrad weg. Ich bremse, fange mich, fluche leise. Dann atme ich. Weiter.

Mein Vertrauen in die Himalayan 450 wächst. Dieses Motorrad ist nicht dafür gebaut, „schnell“ zu sein. Aber es ist gebaut, um durchzuhalten. Und das zählt hier mehr als alles andere.

Ein Mitfahrer aus Bangalore ruft mir zu: „You have good control, bro!“ Ich lache. Innen denke ich: Kontrolle ist hier eine Illusion. Was wir wirklich brauchen, ist Hingabe.

Shinkula Top – Staub, Sonne, Demut

Shinkula Pass in 5.050 Meter Höhe

5.050 Meter.

Der Shinkula Pass ist unser erstes richtiges Hochgebirge. Schon der Name klingt nach etwas Fremdem, Erhabenem, Heiligem. Shing-khu-la – das klingt nach Wind, nach Gebetsfahnen, nach kalter Luft.

Die Auffahrt ist zäh. Der Untergrund weich, rutschig, von Baggern zerfurcht. Staub liegt in der Luft, hängt in den Lungen. Die Sonne sticht erbarmungslos, ohne Wolken, ohne Filter.

Oben erwartet uns das Gegenteil von Drama: Stille. Kein Verkehr. Keine Musik. Nur Wind und Weite.

Ich stelle das Motorrad ab. Gehe ein paar Schritte. Atme. Spüre mein Herz pochen – von der Höhe oder von der Ergriffenheit, ich weiß es nicht genau.

In meinem Helm grinse ich. Einfach, weil ich es geschafft habe. Weil ich jetzt oben bin. Weil mir nichts fehlt – außer vielleicht ein bisschen mehr Luft.

Padum – Ein Dorf, ein Innenhof, ein ganz eigener Takt

Unser nächstes Ziel: Padum, ein abgelegenes Nest im Zanskar-Tal. Die Straße dorthin ist wild. Flüsse müssen durchquert werden, Brücken sind provisorisch aus Holz, der Weg zieht sich über Stunden.

Als wir ankommen, ist es bereits dunkel. Unser „Hotel“ ist eher eine Mischung aus Innenhof und Mehrbettzimmern. Die Motorräder parken wir zwischen zwei Ziegen. In den Zimmern: kalte Wände, aber warme Decken.

Und irgendwie ist genau das der Reichtum des Tages: Kein Luxus. Aber ein Dach über dem Kopf. Und heißer Tee.

Ein Mitfahrer aus Mumbai sagt beim Zähneputzen zu mir: „Padum is not a place. It’s a feeling.“ Ich verstehe ihn.

Dies ist Teil 2 eines mehrteiligen Reiseberichts aus dem Himalaya von Meli Schönbrodt (Kettenöl & Ravioli). Die weiteren Teile werden jeweils Mittwoch- und Samstagabend um 18 Uhr veröffentlicht. Wenn dir die Reisegeschichte gefällt oder du ein ähnliches Abenteuer erlebt hast, du Fragen an den Autor oder uns hast, dann lass uns gerne einen Kommentar da oder schreib eine Email.

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