Grenzgänger im Doppelpack: Der Metzeler Karoo 4 im Moto-Mission Dauertest auf Ducati Multistrada V4S & BMW R 1300 GS

Die Marketing-Slogans versprechen viel: „Die Evolution des Alleskönners“. Der Metzeler Karoo 4 soll die Brücke schlagen zwischen sportlichem Landstraßensurfen und echtem Enduro-Einsatz. Ein Spagat, an dem viele Reifen scheitern. Wir wollten es genau wissen und haben den grobstolligen Gummi auf die beiden aktuell mächtigsten Reiseenduros geschnallt: Die Ducati Multistrada V4S und die brandneue BMW R 1300 GS. Über 3.000 Kilometer durch die heimischen Mittelgebirge, über niederländische Sandpisten, Schotter- und Waldwege und Autobahnetappen müssen zeigen: Ist der Karoo 4 der ultimative „50/50“-Reifen oder ein fauler Kompromiss?

Die Ausgangslage: Was ist neu am Karoo 4?

Bevor wir die Motoren starten, ein kurzer Blick auf die Technik. Der Karoo 4 ist kein bloßes Update des Karoo 3, sondern eine komplette Neuentwicklung. Metzeler hat das Profildesign radikal verändert. Das markante, schaufelartige Profil des Vorgängers wich einem klassischeren, blockartigeren Stollenmuster. Die Stollen sind jetzt versetzt angeordnet, was vor allem die Seitenführung im Gelände und das Abrollverhalten auf der Straße verbessern soll.

Das Zauberwort heißt „Multi-Pitch-Layout“ – unterschiedliche Abstände zwischen den Stollenblöcken, um Resonanzschwingungen und damit das typische Stollenreifen-Heulen zu minimieren. Zudem wurde die Gummimischung (High Silica) für besseren Nassgrip optimiert. Klingt auf dem Papier gut. Aber wie schlägt sich das grobe Profil unter dem Drehmoment-Hammer der R 1300 GS und den 170 Pferden der Multistrada?

Kapitel 1: Asphalt-Dschungel und Autobahn-Etappen

Unsere Tour beginnt, wie fast jede große Reiseenduro-Tour: auf der Autobahn, um schnell in Richtung Ziel zu kommen. Hier schlägt traditionell die Stunde der Wahrheit für Stollenreifen.

Das Erste, was auffällt: Die Geräuschkulisse. Wer vom Pirelli Scorpion Trail II oder dem Michelin Anakee Adventure kommt, wird den Karoo 4 hören. Bis etwa 80 km/h ist das Abrollgeräusch präsent, ein tiefes Brummen, das aber dank des versetzten Profils nicht in ein nervtötendes Pfeifen übergeht. Auf der Ducati, die ohnehin motorseitig lauter ist, fällt es weniger ins Gewicht als auf der fast schon flüsterleisen BMW.

Stabilität bei Highspeed: Metzeler gibt den Reifen bis 170 km/h frei (T-Index). Bis 150 km/h liegen beide Maschinen satt auf der Straße. Darüber beginnt der Karoo 4, vor allem auf der Duc mit ihren 17-Zoll-Hinterrad, eine leichte Unruhe ins Fahrwerk zu bringen. Es ist kein gefährliches Pendeln, aber man spürt, dass die großen Stollen bei hohem Tempo arbeiten. Die BMW R 1300 GS mit ihrem neuen Telelever verhält sich hier spurstabiler, was aber eher am Motorrad als am Reifen liegt.

Kurvenverhalten: Sobald es auf die Landstraße geht, überrascht der Karoo 4. Wer ein hölzernes, kippelig-unpräzises Einlenken erwartet, wird enttäuscht. Der Reifen lässt sich sehr neutral und linear in Schräglage bringen. Das typische „Abkippen“ über die Profilkante, das viele ältere Grobstoller zeigten, ist fast vollständig verschwunden.

  • Auf der Ducati Multistrada V4S harmoniert der Reifen überraschend gut mit dem Skyhook-Fahrwerk. Die Duc giert nach Präzision, und der Karoo 4 liefert genug Feedback, um auch in den Bergen zügig und sicher um die Kehren zu zirkeln. Die Schräglagenfreiheit ist enorm, und man ertappt sich dabei, wie man die Stollen bis zur Kante abnutzt.
  • Die BMW R 1300 GS profitiert von ihrem enormen Drehmoment aus dem Keller. Der Boxer schiebt wuchtig an, und der Karoo 4 setzt diese Kraft auf Asphalt sehr gut um. Die Traktionskontrolle der BMW muss nur selten eingreifen, wenn man es nicht bewusst provoziert. Das Einlenken ist dank des leichteren Motorrads spielerisch, der Reifen folgt willig der vorgegebenen Linie.

Bremsverhalten: Auf trockenem Asphalt beißt der Karoo 4 dank seiner modernen Mischung ordentlich zu. Das Bremsnicken, das durch die Verformung der Stollen entsteht, ist spürbar, aber gut kontrollierbar. Die ABS-Regelintervalle sind auf beiden Maschinen sehr fein.

Kapitel 2: Nasse Straßen – Die Zerreißprobe

Für Freizeit-Fahrer Fluch, für Test-Redakteure zumindest auch Segen: Dauerregen. Die Fahrbahnen sind nass, die Temperatur fällt auf deutlich unter 10 Grad. Das Szenario, vor dem viele Adventure-Biker Angst haben: Grobstoller auf nassem, glattem Asphalt.

Hier zeigt sich der Fortschritt der High-Silica-Mischung. Der Karoo 4 bietet ein Vertrauen, das man Stollenreifen früher nicht zugetraut hätte. Das Feedback ist klar, man spürt, wo die Grenze ist. Die Multistrada im Rain-Mode und die BMW im Road-Mode (wir haben den Regen-Modus bewusst vermieden, um den Reifen zu fordern) verhalten sich berechenbar.

Der Grenzbereich: Wenn man am Kurvenausgang zu forsch ans Gas geht, beginnt der Karoo 4 sanft und kontrollierbar zu rutschen. Die Elektronik beider Bikes fängt das Spiel sehr souverän ein. Auf der BMW spürt man das Rutschen etwas früher, da der Boxer-Drehmoment-Punch direkter anliegt. Aber auch hier: Es ist ein Gutmütiger-Rutsch, kein plötzliches Abreißen. Bremsen auf Nässe ist ebenfalls sicher, das ABS regelt früh, aber nicht panisch.

Kapitel 3: Offroad – Da, wo die Stollen hingehören

Der Asphalt endet, und wir biegen auf den staubigen Teil des Tests ein. Tiefer Waldboden in Thüringen, Schotterwege im Westerwald und sandige Ackerpisten in Holland – genau das Terrain, für das der Karoo 4 entwickelt wurde.

Wir schalten beide Bikes in den Enduro-Modus. Das bedeutet: Hinterrad-ABS aus (oder stark reduziert), Traktionskontrolle auf Offroad-Modus, Fahrwerk weich.

Schotter & Fels: Das ist die Paradedisziplin des Karoo 4. Die neuen Stollen beißen sich förmlich in den losen Untergrund. Die Traktion ist im Vergleich zu den Allround-Vorgängern (Karoo 3) drastisch verbessert. Man kann mit beiden Maschinen im Stehen fahren und spürt die Seitenführung. Die Ducati V4, die oft als reines Straßenbike missverstanden wird, zeigt hier, was sie kann. Der Karoo 4 gibt ihr das nötige Vertrauen, um auch steilere Passagen mit losem Schotter problemlos zu meistern.

Die BMW R 1300 GS im Dreck: Sie ist und bleibt die Offroad-Königin im Schwergewicht. Der tiefe Schwerpunkt und das neue Telelever machen das Manövrieren auf unwegsamem Terrain zum Genuss. Der Karoo 4 unterstützt dieses Vertrauen perfekt. Ob langsames Trial-Fahren über Felsen oder zügiges Driften auf Schotter – der Reifen macht alles mit. Die Seitenführung ist auch bei Schräglage auf Schotter erstaunlich stabil.

Matsch & Sand: Wir finden eine Passage mit tiefem Matsch nach dem Regen. Hier spielt das offene Profil seine Stärken aus. Die Selbstreinigung funktioniert hervorragend. Die Duc, die im Matsch etwas nervöser wirkt, profitiert von der klaren Traktion des Karoo 4. Der Boxer der BMW pflügt sich ohnehin durch alles, der Reifen liefert dazu den nötigen Grip. In tiefem Sand bietet der Karoo 4 genug Vortrieb, um nicht stecken zu bleiben, auch wenn er hier natürlich kein Cross-Reifen ist.

Kapitel 4: Haltbarkeit und Verschleiß – Der Preis der Performance

Grobprofiliertes Gummi auf 170-PS-Bikes? Das klingt nach Reifenwechsel alle 2.000 Kilometer. Nach über 3.000 Kilometern im harten Moto-Mission Dauertest (ca. 70% Asphalt, 30% Offroad) zeigt sich ein differenziertes Bild.

  • Der Hinterreifen: Die Stollen in der Mitte sind deutlich abgenutzt. Der Verschleiß ist jedoch gleichmäßiger als beim Karoo 3. Es haben sich keine extremen „Sägezähne“ gebildet, die das Fahrverhalten ruinieren. Wir schätzen die Gesamtlaufleistung bei gemischtem Betrieb auf ca. 4.500 bis 5.500 Kilometer. Wer viel Autobahn fährt oder die V4-Power auf der Landstraße oft abruft, wird ihn früher wechseln müssen.
  • Der Vorderreifen: Die Seitenstollen zeigen kaum Verschleiß, die Mittelstollen sind ebenfalls noch gut im Futter. Das Einlenkverhalten ist auch nach 3.000 km noch neutral. Wir schätzen die Haltbarkeit des Vorderrads auf gut das Doppelte des Hinterrads.

Das Moto-Mission Fazit: Für wen ist der Metzeler Karoo 4?

Metzeler hat mit dem Karoo 4 einen echten Grenzgänger geschaffen. Er ist die Wahl für alle Adventure-Biker, deren Mission nicht an der Asphaltkante endet, sondern die regelmäßig und bewusst ins Gelände abbiegen.

Die Stärken:

  • Überragende Performance auf Schotter, Felsen und in losem Untergrund.
  • Erstaunlich neutrales und sicheres Kurvenverhalten auf Asphalt, auch bei Nässe.
  • Gute Selbstreinigung im Matsch.
  • Harmonisches Zusammenspiel mit der Elektronik moderner Reiseenduros.

Die Schwächen:

  • Erhöhtes Abrollgeräusch auf Asphalt.
  • Begrenzte Highspeed-Stabilität über 160 km/h.
  • Endliche Haltbarkeit des Hinterreifens bei starker Leistungsabfrage.

Im direkten Vergleich auf Ducati und BMW zeigt sich der Karoo 4 als äußerst wandlungsfähig. Die Ducati Multistrada V4S macht er zum echten Abenteurer, ohne ihre sportlichen Gene auf Asphalt zu kastrieren. Der BMW R 1300 GS verleiht er noch mehr Souveränität im Gelände, ohne ihre Tourentauglichkeit nennenswert zu beeinträchtigen.

Fazit: Wer einen Reifen sucht, um 90% Autobahn zu fahren und nur mal einen Feldweg zu streifen, ist mit einem Allrounder (Pirelli Scorpion Trail II, Conti TrailAttack 3) besser bedient. Aber wer die Freiheit liebt, spontan auf den ligurischen Grenzkamm abzubiegen, ohne Angst um Grip oder Nassperformance haben zu müssen, für den ist der Metzeler Karoo 4 derzeit der Goldstandard in der 50/50-Klasse.

Daten & Fakten: Metzeler Karoo 4

  • Kategorie: Enduro-Reifen (50% Straße, 50% Gelände)
  • Verfügbare Größen: Alle gängigen Größen für große Reiseenduros
  • Speed-Index: T (bis 170 km/h)
  • Gummimischung: High Silica (Vorderreifen & Hinterreifen)
  • UVP: Variiert je nach Händler, ca. 280-350 € pro Satz.

Was sind eure Erfahrungen mit Grobstollern auf euren Adventure-Bikes? Schreibt uns in die Kommentare oder schickt uns eure Tourberichte auf Instagram!

Wer mehr Informationen zur BMW R 1300 GS oder der Ducati Multistrada V4S sucht, wird auch auf dem Moto-Mission YouTube-Kanal fündig:

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