Abenteuer Himalaya: Mit Royal Enfield über das Dach der Welt – Teil 6
Wenn der Pass nicht will – Nächte im Regen und der Chai, der alles rettet
Eigentlich wollten wir am nächsten Tag weiter Richtung Nako – doch wieder einmal heißt es: Straße gesperrt. Sprengarbeiten. Mal wieder. Die offizielle Mitteilung: „Morgen vielleicht.“ Inoffiziell: „Kommt drauf an, wie’s läuft.“
Was machst du mit einem Tag Zwangspause mitten im Nirgendwo?
Du wartest. Du reparierst. Du lachst. Du schraubst. Du schiebst die Müdigkeit auf die Höhe. Und trinkst Tee.
Die Nachtfahrt – Wahnsinn mit Ansage

Am nächsten Tag geht’s los. Spät. Zu spät eigentlich. Die Sonne steht schon tief, als wir starten. Doch wir wollen weiter. Müssen weiter.
60 Kilometer Schotter. Regen. Dunkelheit. Keine Straßenbeleuchtung. Keine Markierungen.
Nur das Licht deiner Maschine. Der Gedanke, dass du nicht ausrutschen darfst. Und irgendwo dahinter die Hoffnung auf eine Unterkunft, die noch auf ist.
Wir fahren im Pulk. Langsam. Konzentriert. Jeder für sich – und doch zusammen.
Ich kann nicht mehr sagen, wie oft mein Hinterrad weggerutscht ist. Wie oft ich in einer Kurve nur durch Glück auf den Beinen geblieben bin. Ich weiß nur: Als wir gegen 22:30 Uhr endlich das Dorf erreichen, bin ich komplett leer. Körperlich. Und emotional.
Und dann: Chai
Ein kleines Gasthaus. Licht. Stimmen. Wärme.
Eine Frau reicht mir eine Tasse. Chai.
Der indische Gewürztee ist nichts Besonderes. Und in diesem Moment ist er doch alles. Er ist Trost. Energie. Symbol. Verbindung. Eine Mischung aus Zimt, Kardamom, Ingwer, Milch und Menschlichkeit.
Ich trinke. Schließe die Augen. Und weiß: Ich bin angekommen. Nicht am Ziel. Aber im Moment.
Der nächste Morgen – und das große Innehalten
Wir schlafen tief. Wie Steine.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Die Motorräder sind dreckverkrustet, die Stiefel noch feucht. Aber es ist okay. Es ist gut.
Wir frühstücken still. Nur hin und wieder ein Blick, ein Lächeln, ein Schulterklopfen. Worte braucht es nicht mehr viele. Diese Reise hat längst ihre eigene Sprache gefunden.
Indien schmeckt. Und bleibt.
Was bleibt, ist nicht nur die Landschaft. Es ist das Essen, das dich nährt – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.
Dal, Currys, Naan, Pakora, Samosa, Pickles.
Essen in Indien ist mehr als Nahrung. Es ist Ritual. Einladung. Wärme. Und manchmal der einzige Lichtblick an einem harten Tag.
Ich erinnere mich an einen Abend in einem Bergdorf. Wir sitzen auf dem Boden, essen mit der Hand, lachen mit einem alten Mann, der kein Wort Englisch spricht. Aber wir verstehen ihn trotzdem.
Indien spricht nicht nur durch Worte. Es spricht durch Gesten, Gewürze und Geschichten.
Dies ist Teil 6 eines mehrteiligen Reiseberichts aus dem Himalaya von Meli Schönbrodt (Kettenöl & Ravioli). Die weiteren Teile werden jeweils Mittwoch- und Samstagabend um 18 Uhr veröffentlicht. Wenn dir die Reisegeschichte gefällt oder du ein ähnliches Abenteuer erlebt hast, du Fragen an den Autor oder uns hast, dann lass uns gerne einen Kommentar da oder schreib eine Email.



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